Ruder1Es ist die Zeit, Farbe zu bekennen. Ein paar Gedanken dazu vor meiner Abreise aus Griechenland:

Gestern sind vor Lesbos wieder Flüchtlingsboote gekentert. Es kamen Menschen ums Leben. Kinder. Und Eltern von Kindern, die jetzt keine Eltern mehr haben. Es wäre ganz einfach gewesen, diese Leben zu erhalten. Mit regulären Fähren für Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland. Denn ab Griechenland sind die Transporte bis zur nächsten Grenze ja auch organisiert. Aber nein, eine sichere Überfahrt kann, oder eher will die Politik nicht ermöglichen. Stattdessen werden sich nun die Unfälle und die Toten häufen. Das Wetter und das Meer werden im Winter unberechenbar. Und der Winter ist bald da.

Ich selber bin in Griechenland und helfe auf Lesbos, aber auch in Athen mit, für die kalten Monate wintersichere Unterkünfte für die meistgefährdeten Flüchtlinge bereitzustellen. Im Auftrag von Caritas Schweiz und in Zusammenarbeit mit Caritas Griechenland und der lokalen Wirtschaft, insbesondere dem Tourismus- und Hotelgewerbe. Im Winter stehen viele Hotels und Resorts auf den ägäischen Inseln leer. Sie in dieser Zeit für die Unterbringung von Flüchtlingen zu nutzen, ist auch für diese Betriebe gut. Sie können Umsatz generieren, Arbeitsplätze und Einkommen schaffen. Die ansässige Bevölkerung und den lokalen Arbeitsmarkt in die Flüchtlingshilfe einzubeziehen und daran zu beteiligen ist wichtig für den Erhalt der immer noch grossen Solidarität der Bevölkerung mit den Flüchtlingen. Denn auch die Griechinnen und Griechen sind gebeutelt von ihrer eigenen ökonomischen Krise und den finanziellen Daumenschrauben, die man ihnen angelegt hat.

Vor meiner Heimreise möchte ich aber auch noch Folgendes bemerken:

Fast in jeder Schweizer Stadt gibt es mindestens eine Gruppe von engagierten Leuten, die etwas für die Flüchtlinge in Europa tut. Die nicht nur redet, sondern auch handelt! Gerade heute ist wieder ein Lastwagen-Konvoi mit Hilfsgütern aus dem Tessin in den Balkan abgereist. Gerade heute findet in Basel eine grosse Charity-Veranstaltung für die Flüchtlingshilfe in Süditalien statt. In diesen Gruppen gibt es alle möglichen Typen. Kopfgesteuerte, Herzgesteuerte, Bauchgesteuerte und auch ein paar Durchgeknallte. Alle aber wollen dasselbe: die Flüchtlinge nicht alleine lassen. Die meisten dieser Hilfsaktionen sind übrigens keineswegs politische Statements, sondern schlicht der Mitmenschlichkeit geschuldet.

Regelmässig werde ich von skeptischen Freunden gefragt, ob all diese Aktionen von „Amateuren“ denn sinnvoll seien, ob solche Spontiaktionen denn wirklich etwas brächten oder am Ende nicht sogar kontraproduktiv seien. Ich sage dann jeweils nein, das sind sie nicht, sondern im Gegenteil. Es braucht sie, und es braucht noch viel mehr davon! Einerseits ist es in dem zunehmend kälter werdenden gesellschaftlichen Klima wichtiger denn je, Stellung zu beziehen, Menschlichkeit zu zeigen und Sensibilität für die dramatischen Vorgänge zu erzeugen. Das allein ist eine wichtige Aufgabe. Hier und jetzt. Andererseits können spontane Aktionen vor Ort ganz konkret und schnell mithelfen, die Leiden der reisenden Menschen zu lindern und die wichtigsten Grundbedürfnisse zu stillen.

Anders als – beispielsweise – nach einem Erdbeben, wo gut gemeinte aber wenig durchdachte spontane Hilfsaktionen unter Umständen professionelle, koordinierte Rettungsarbeiten behindern oder gar gefährden können, können bei den aktuellen Flüchtlingswanderungen diese schnellen, kleinen und unbürokratischen Hilfsaktionen sehr effektiv sein. Viele klassischen humanitären NGOs mit oft schwerfälligen Strukturen und langen Entscheidwegen, aber auch staatliche Agenturen, sind für diese neue, für sie ungewohnte dynamische, höchst volatile Ausgangslage in der Flüchtlingskrise überhaupt nicht aufgestellt und entsprechend überfordert. Die Flüchtlingswelle ist extrem unberechenbar, die hilfebedürftigen Menschen sind heute hier, morgen dort, jeden Tag stellen sich neue Herausforderungen, die Politik macht laufend neue Bocksprünge und ändert die Regeln, eine systematische Planung von Hilfe ist nur sehr sehr schwer, wenn überhaupt möglich.

Das ist auch der Grund, weshalb beispielsweise in Griechenland nur wenige internationale NGOs tätig sind. Es gibt viele Freiwilligen-Inititativen, aber nur wenig, viel zu wenig sogenannte professionelle humanitäre Hilfe. Es ist wirklich, wirklich sehr schwer, hier systematisch zu helfen.

Und die Schweiz?

Staatliche humanitäre Organisationen – egal woher – sieht man fast gar nicht. Auch die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA nicht. Das einst nach Katastrophen und in grossen Krisen omnipräsente Korps für Humanitäre Hilfe (SKH, früher Katastrophenhilfekorps) glänzt durch Abwesenheit auf der Balkanroute. Dagegen kann eingewendet werden, dass die Humanitäre Hilfe des Bundes mit finanziellen Beiträgen an UN-Organisationen, das IKRK und Co. durchaus einen Beitrag leistet. Das ist in Ordnung, doch muss sich die Schweiz dabei auch die Frage gefallen lassen, ob sie sich (auch) in der Humanitären Hilfe mehr und mehr auf die Rolle eines Banquiers beschränken will. Am Eindruck der Absenz der humanitären Hilfe der Schweiz in der Flüchtlingskrise ändern auch vereinzelte – vermutlich Bundesrat Burkhalters aussenpolitischer (und persönlicher?) – Agenda geschuldete und PR-mässig hübsch in Szene gesetzte Einzelaktionen auf aussenpolitisch opportuneren Schauplätzen nichts, nicht ein einsamer Flugzeugtransport mit Hilfsgütern nach Erbil im Nordirak und auch nicht zwei – der zweite neulich – Hilfsgüterkonvois für die Ukraine.

Die Flüchtlingskrise ist ein politisch gefährlich heisses Eisen für Europa. Aber sind wir denn schon soweit, dass sich auch die angeblich neutrale und humanitäre Schweiz aus ihrer humanitären Verantwortung gegenüber notleidenden Menschen schleichen muss?

Die Humanitäre Hilfe der Schweiz scheint auf jeden Fall das hohe Gebot von humanitärer Nothilfe, nämlich die Unabhängigkeit von politischen Konditionalitäten, aufgegeben zu haben. Anders kann ich mir die Absenz in der Flüchtlingskrise nicht erklären. Auch wenn mir klar ist, dass die staatliche Humanitäre Hilfe nur mit Einwilligung der jeweiligen Regierungen im Ausland aktiv werden kann, sind die Signale der Schweiz in die Welt als humanitäre und solidarische Nation bisher erbärmlich. Aber vielleicht ist das ja auch einfach ehrlicher als andersrum.

Auch deshalb sind jetzt für eine solidarische Schweiz nebst den professionellen nichtstaatlichen Hilfswerken auch kleine Initiativen wie Tsüri hilft, Help for Refugees Basel, die Gruppe um Lisa Bosia Mirra im Tessin und alle anderen tätigen Gruppen wichtig und nötig.

Written by Fred