Wahlnacht in Amerika: Esel gegen Elefant

Der Elefant ist das Wappentier der Republikaner. Der Esel jenes der Demokraten. Überdies ist der Esel mein Lieblingstier. Heute Nacht wählen die USA ihren Präsidenten. Zeit für eine Betrachtung über ein ganz und gar unterschätztes Wesen.

Der Esel ist ein erstaunliches Tier. Er steht auf vier Beinen, je zwei links und zwei rechts. Der Esel ist überhaupt aus zwei akkurat gemessenen Hälften gemacht. Einer linken und einer rechten Hälfte. Die beiden Eselhälften werden von einem schwarzen Strich zusammengehalten, der über dem Rücken des Esels verläuft. Weil der Strich wie ein Aal an Land aussieht, heisst er auch Aalstrich. Oben ist der Esel dunkel, unten beim Bauch ist er hell. Der Esel hat zwei grosse Ohren, einen weichen Pelz und ein lustiges Gesicht. Und: der Esel ist überhaupt kein Esel. Er ist schlau und weiss, was er will. Und was er will, das bekommt er meistens auch. In den Vereinigten Staaten von Amerika verneigen sich die Anhänger der Demokratischen Partei vor dem Esel, seit einer ihrer Kandidaten für das hohe Amt des Präsidenten kandidiert hatte. Das war vor bald zweihundert Jahren, genau 1828, und der Kandidat hiess Andrew Jackson. Seine Gegner von der republikanischen Partei hielten ihn für einen Trottel und verspotteten ihn als Esel. Doch dann gewann der Esel Jackson die Wahl und die Republikaner waren die Esel. Man sollte einen Esel also niemals unterschätzen, denn man kann nie wissen, was er bald schon zu bewegen imstande sein wird. Der Esel hat einen starken Willen, grosse Ausdauer und einen edlen Charakter. Er ist ein freundliches Geschöpf, das die Harmonie schätzt. Missgunst und Boshaftigkeit missbilligt der Esel. Vielleicht haben ihn die Katalanen im Nordosten Spaniens deshalb zu ihrem Wappentier auserwählt. Vielleicht auch um dem Rest von Hispanien zu zeigen, was die meisten Menschen in Katalonien von den brutalen Stierkämpfen halten, für die jedes Jahr zehntausende Tiere sinnlos gequält und getötet werden. Der sanfte «burro català» ist von seinem Gemüt her das perfekte Gegenstück zum furiosen spanischen «toro». Viele Spanier halten Katalanen, die sich einen Esel-Sticker aufs Auto kleben, für ebensolche Esel. Dabei sind die Spanier die Esel, weil sie nicht verstehen, was der katalanische Esel ihnen sagen will. In Italien verstehen sie das edle Wesen des Esels genauso wenig. Früher, in der Zeit des berühmten Pinocchio, wurden unartige Kinder in Esel verwandelt und an den Zirkus verkauft. Dabei wüssten wir es besser. Denn wer führte einst die legendären Bremer Stadtmusikanten an und gab ihnen eine Zukunftsperspektive? Und wer – Tischlein deck dich, Esel streck dich und Knüppel aus dem Sack – kann wie niemand sonst, «Bricklebrit», Goldstücke spucken und zwar vorne und hinten? Der Esel natürlich, wer denn sonst. Dass der Esel dumm und faul sei, das glauben wir in Europa. Im Orient hingegen wird er seit der Antike als auserwählte Kreatur verehrt. Es gab eine Zeit, da beteten die Menschen zu Pales, einer Gottheit in einem menschlichen Körper aber mit einem Eselskopf. In der gleichen Gegend lebte in einer anderen Zeit der grosse Prophet Bileam, der eine Eselin im Stall hatte, die ihn an Klugheit bei weitem übertraf. Das war bemerkenswert, denn Bileam galt unter allen Weisen als der weiseste. Leider gehört die Schweiz nicht zum Orient, sondern wie Italien und Spanien zu Europa. Auch bei uns übersehen viele Menschen die Anmut, den guten Charakter und die überragende Intelligenz des Esels. Manche Leute schauen auch einfach weg, ignorieren den Esel, weil er nicht wie wir ist. Weil er nicht von hier ist. Denn der Esel ist ein Ausländer. Er ist eingewandert. Das ist zwar schon länger her, aber eingewandert bleibt eingewandert. Seine Heimat ist die staubige, trockene Wüste. Wohl deshalb säuft er auch soviel, wenn er einmal die Gelegenheit dazu bekommt. Und was der Esel freiwillig und mit grossem Genuss in rauhen Mengen frisst, nämlich verholztes Gras und stacheliges Kraut, das würde unsereins keinem einheimischen Ross zumuten wollen. Aber nicht nur seine Futtervorlieben sind anders als unsere, auch das übrige Verhalten des Esels ist recht auffällig. Manchmal bleibt er auf einer Wanderung plötzlich wie angewurzelt stehen, verweigert sich und alles Zureden nützt nichts. Was für ein sturer Esel, denken wir dann. Dabei hat er nur aus Vorsicht gebremst, weil ihm etwas verdächtig ist, weil etwas nicht stimmt. Da, wo der Esel herkommt, in der Wüste, bleibt man stehen, wenn es gefährlich wird und man überleben will. Wölfe und andere Räuber, die den Esel fressen wollen, sehen ihn nämlich nur, wenn er sich bewegt. Wenn der Esel stillsteht, ist er für seine Feinde unsichtbar. Der liebe Gott hat dem Esel eine sehr schlaue Farbe für das Fell zugeteilt. Damit hebt er sich kaum von seiner Umgebung ab und wird ein Teil der grossen weiten Wüste. Nein, der Esel ist nicht stur, wenn er plötzlich stillsteht. Er ist im Gegenteil ein schlauer Fuchs. Der Esel ist ein Einzelgänger und sucht sich im Leben nur wenige Gefährten aus. Diesen ist er für immer treu ergeben. Jetzt einen Esel in meiner Nähe zu haben, das wäre schön. Ich könnte viel von ihm lernen und er brächte mir Freude in die Corona-Abgeschiedenheit. Wir würden nicht viel reden. Ich lächle zur Begrüssung und er schnüffelt mir zu. Dann schauen wir uns in die Augen und wackeln manchmal mit den Ohren. Ich kraule ihn im Fell und er stupst mich mit der Nase. Mehr brauchen zwei Esel nicht, um glücklich zu sein.

Moria brennt (wieder)

Im Spätsommer 2015 reiste ich zum ersten Mal in humanitärer Mission nach Lesbos. Das offizielle Flüchtlingscamp stand damals im Aufbau, noch nicht in Moria, sondern in Kara Tepe, keine Viertelstunde Fahrzeit nördlich der Haupstadt Mytilini, direkt am Strand. In Moria, ein paar Kilometer weiter im Landesinnern, entstand damals ein kleineres informelles Lager auf einem früheren Militärgelände.

Moria, 2. Februar 2016 (Foto: Fred Lauener)

Seit ab März 2016 die Flüchtlinge nicht mehr auf das griechische Festland gebracht werden durften, baute die Europäische Union Moria zu einem sogenannten „Erstregistrierungszentrum“ aus. In Kara Tepe wurden seither fast nur noch gemeinsam reisende Familien untergebracht. Seit dieser Zeit ist Moria eine Hölle auf Erden und Sinnbild für die grösste Schande Europas seit Gründung der EU. Die in viel zu grosser Zahl auf engstem Raum zusammengepferchten Menschen vegetieren in dem Lager unter unvorstellbaren menschenunwürdigen Bedingungen. Vor genau vier Jahren, im September 2016, zerstörte schon einmal ein Brand mehr als die Hälfte des Geländes und das wenige Hab und Gut der Gestrandeten.

Moria, 9. September 2020 (Foto: Thanasis Voulgarakis)

Letzte Nacht brannte es wieder in Moria. Das war kein bedauerliches Unglück. Und es spielt auch keine Rolle, welche direkte Ursache der Brand hatte. Das neue Leid, das gestern Nacht über die Menschen auf Lesbos kam, war leider absehbar. Das Feuer von Moria ist vor allem ein weiteres Mahnmal unseres Versagens als menschliche Wesen.

Moria, 9. September 2020 (Foto: Facebookseite der NGO ‚Stand by me Lesvos“)

Als wäre es gestern passiert

Vor fünf Jahren bebte in Nepal die Erde und brachte viel Leid über unzählige Familien. Die Erinnerung an die Ereignisse und Hilfsprojekte im abgelegenen Berggebiet des Distrikts Sindhupalchok im Nordosten des Landes (insbesondere den raschen Wiederaufbau von Schulen) ist so frisch, als wäre alles gestern passiert. Auch 2015 war der 7. Juni übrigens ein Sonntag.