Für ehrliche Spendenwerbung

Nordkenia, 2011

Die Glückskette sammelt an ihrem heutigen Solidaritätstag für die Opfer der Dürrekatastrophe in Ostafrika (Teile von Kenia, Aethiopien, Somalia). Es handle sich «um die schlimmste Dürre der letzten 40 Jahre», schreibt sie auf ihrer Website. So weit so gut; die Menschen (und Tiere) in den betroffenen Regionen benötigen tatsächlich dringend humanitäre Überlebenshilfe. Und das nicht zum ersten Mal. Vor etwas mehr als 10 Jahren wurde schon einmal im grossen Stil gesammelt für Dürreopfer in Ostafrika. Es handle sich bei der Dürre von 2011, schrieb die Glückskette damals im gleichen Stil wie heute auf ihrer website, «um die schlimmste seit 60 Jahren». Zwischen den beiden Spendensammlungen löste eine weitere Dürre auch 2017 eine dramatische Hungersnot aus. Dürren kehren am Horn von Afrika alle paar Jahre wieder, und man braucht kein Prophet zu sein um vorauszusehen, dass die aktuelle Not nicht die letzte und auch nicht die schlimmste gewesen sein wird.

Als heutiger «Morgengast» von Radio SRF1 rief die Direktorin der DEZA, Patricia Danzi, die Bevölkerung zu Spenden auf. Der Bund sei seit vielen Jahren in der betroffenen Region und realisiere dort mit über fünfzig Millionen Franken pro Jahr allerlei Programme und Projekte. Wenn die Menschen nun für die Dürreopfer spenden würden, gäbe es gute Hoffnung, dass es diesen bald wieder besser geht. Wirklich? Was hat sich denn nach all den bisherigen Dürren gebessert? Was wurde unternommen, damit die gefährdete Bevölkerung heute besser auf neue Katastrophen vorbereitet ist? Flossen und fliessen die Millionen Entwicklungsgelder auch konkret in die von Gott verlassenen abgelegenen Regionen, wo längst kein Gras mehr wächst? Welche Hoffnung besteht denn für diese Landstriche, in denen – wie Danzi am Radio heute weiter sagte – auch Krieg geführt wird, der keinen Raum für Entwicklung lässt? Verdunsten sie nicht buchstäblich in der gleissenden Hitze der afrikanischen Dürre?

Die von Hungersnot und Viehsterben betroffenen, weitab der einflussreichen Städte liegenden ländlichen Regionen sind oft auch politisch sich selbst überlassen. Es gibt Bezirke, die im politischen oder administrativen Betrieb des Landes nicht vertreten sind. Und wer keine Stimme in der Hauptstadt hat, wird nicht gehört. Die wesentlichen Staatsaufgaben – Gesundheitsversorgung, Schulen, Transporte etc. – werden in diesen Regionen von Kirchen und lokalen Hilfsorganisationen sichergestellt. Die nächste asphaltierte Strasse beginnt  meist erst hinter der Grenze zum nächsten County, aus dem zum Beispiel ein Mitglied des nationalen Parlaments stammt. Die Hirten in der Halbwüste von Nordkenia schütteln den Kopf, wenn studierte Entwicklungshelfer ankommen und vom Heil der Digitalisierung schwafeln, während es in ihren Siedlungen noch nicht einmal ein halbwegs funktionierendes System gibt, das die Bauern vor herannahenden Heuschreckenschwärmen warnt – die andere grosse Plage, mit denen die Menschen am Horn von Afrika immer wieder zu kämpfen haben. Und statt mit Geschick (und Druck) auf die durchwegs korrupten politischen Systeme zu wirken und mit privatwirtschaftlichen Investitionen die vulnerablen Gegenden zu stärken, schaut man in den Büros der Entwicklungsagenturen lieber, dass der Nachschub an Nutztieren funktioniert, wenn während der Dürre den hungernden Bauern und Hirten das Vieh wegstirbt. Damit nicht noch mehr Menschen, vor allem die jungen, in die Städte abwandern, wo sie erst recht keine Chance haben, der Armut zu entfliehen.

Während der Dürre von 2011 war ich selber vor Ort im stark betroffenen Norden Kenias und koordinierte humanitäre Hilfsaktionen. Ich würde das auch heute und immer wieder tun. Genauso wie für die betroffenen Menschen zu spenden. Weil diese uns in Ostafrika jetzt brauchen. Uns brauchen in ihrer Not. Aber nicht um jeden Preis für ihre Entwicklung. In dieser Hinsicht irren wir uns. Genug Geld und ein gutes Herz zu haben bedeuten nicht automatisch auch zu wissen, was gut ist für Afrika.

Ich möchte richtig verstanden werden: Nichts gegen Entwicklungszusammenarbeit, schon gar nicht gegen die unzähligen kleinen Projekte von engagierten Menschen und Gruppen, die in ihren begrenzten Kontexten oft viel Wirkung erzielen, und fast genauso wichtig sind für unsere Sensibilisierung für die Not anderswo. Die Überhöhung der Entwicklungszusammenarbeit als superwirksames Instrument für die globale Armutsbekämpfung ist aber unredlich. So unredlich wie mit dem Argument nicht belegbarer Entwicklungsfortschritte und der wenig glaubhaften Hoffnung auf bessere Zeiten für Spenden zu werben. Reicht es denn nicht, einfach und ehrlich zu sagen, dass man Leben retten, Leiden lindern und Solidarität zeigen will? Und nichts weiter.