Hiram von Aleppo

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Hiram von Aleppo reiste im Bauch seiner Mutter auf einem Schlauchboot über die rauhe See. In Mytilini auf Lesbos wurde er am 29. Januar geboren. Er ist gesund und hat einen Bärenhunger.

Begegnungen 2015: Ein Jahr, ein Bild

2015 war ich immer wieder auf der Balkanroute der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern im Einsatz. In Ungarn, in Serbien und vor allem in Griechenland. Dabei kam es zu unzähligen bewegenden Begegnungen mit Menschen und ihren hinterlassenen Spuren.

Griechischer Herbst

Ich bin zurzeit oft in Griechenland. Zuerst im Norden, an der mazedonischen Grenze, dann in Athen, jetzt vor allem auf Lesbos. Bei gutem Wetter sieht man von hier die nahe türkische Küste. Gestern sind auf der Überfahrt von dort wieder Flüchtlingsboote gekentert. Es kamen Menschen ums Leben. Kinder. Und Eltern von Kindern, die jetzt keine Eltern mehr haben. Es wäre ganz einfach gewesen, diese Leben zu retten. Mit regulären Fähren für Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland. Denn ab Griechenland sind die Transporte bis zur nächsten Grenze ja auch organisiert. Eine sichere Überfahrt will die Politik aber offensichtlich nicht. Damit spielt sie den illegalen Schlepperbanden in die Hände. Für die sind die Flüchtlinge ein mörderisch gutes Geschäft.

Das Versagen der Politik wird zu noch mehr Unfällen und Toten führen. Schon bald. Spätestens dann, wenn das Wetter und das Meer im Winter unberechenbar werden. Und wir stehen jetzt im Oktober.

Auf Lesbos versuche ich zusammen mit vielen andern Helferinnen und Helfern, für die kalten Monate wintersichere Unterkünfte für die meistgefährdeten Flüchtlinge zu organisieren. Dafür verhandle ich mit UN-Organisationen, lokalen Hilfswerken und wichtigen Vertretern der griechischen Wirtschaft, insbesondere aus dem Tourismus- und Hotelgewerbe. Im Winter stehen viele Hotels und Resorts auf den ägäischen Inseln leer. Sie in dieser Zeit für die Unterbringung von Flüchtlingen zu nutzen, ist auch für diese Betriebe gut, schafft Umsatz, Arbeitsplätze und Einkommen. Die ansässige Bevölkerung, ihre Wirtschaft und damit den lokalen Arbeitsmarkt in die Flüchtlingshilfe einzubeziehen und daran zu beteiligen, ist wichtig für den Erhalt der Solidarität der einheimischen Bevölkerung und der Akzeptanz der Flüchtlinge. Denn nicht vergessen: den Griechinnen und Griechen geht es selber nicht gut. Die Spuren der schweren Finanzkrise und ihrer sozialen Folgen sind hier auf Schritt und Tritt sichtbar.

Flüchtlinge nicht verklären, bitte

Ich grüsse aus Idomeni, dem Grenzübergang von Griechenland nach Mazedonien auf der Flüchtlings-Balkanroute, wo ich mich gerade befinde und in mein Notizbuch schreibe:

Hört auf, die Flüchtlinge zu verklären! Macht sie nicht schlechter, aber auch nicht besser, als sie sind. Es gibt sympathische und unsympathische, hochgescheite und strohdumme, ehrliche und unehrliche, politische und unpolitische, religiöse und solche die mit Religion nichts anfangen können, richtig arme Schlucker, die sich in der Welt nicht zurecht finden und auch solche, die sich auf ihrer Reise nach „good country Germany“ auch gerne mal einen Reiseabschnitt per Flugzeug leisten.
Die beiden Kerle im Bild, zum Beispiel, sind zwei Freunde aus Syrien, sympathische Typen, die das Land per Auto verliessen und in Beirut, Libanon einen Flieger in die Türkei bestiegen. Von dort ging es per Touristenfähre nach Samos und weiter nach Piräus und Athen. Erst dort bestiegen sie einen sogenannten ‚Refugee-Shuttle‘ hierher, an die mazedonische Grenze. Ich habe die beiden gestern getroffen. Mittlerweile sind sie weiter gezogen und werden bald auch Mazedonien und Serbien verlassen haben. Wahrscheinlich sitzen sie dann in einer Kebab-Bude in Wien und warten auf den Zug nach München. Empörend? Nein. Die Reise auf dem ordentlichen Luft-, Wasser- und Schienenweg ist deutlich billiger und sicherer, als die lebensgefährlichen Trips, die die Schlepperindustrie zu Wucherpreisen verkauft.