Gestrandet in Salloum

Reisen in „komplizierte“ Länder ist zurzeit coronabedingt schwierig. Deshalb erinnere ich mich heute an einen Einsatz vor genau zehn Jahren. Im Zuge des arabischen Frühlings kam es auch in Libyen zu einem Volksaufstand gegen Machthaber Muammar Gaddafi, den dieser schliesslich nicht überlebte. Hunderttausende Gastarbeiter verliessen damals das Land, auf der Flucht vor Mörderbanden, die sie pauschal als Gaddafigetreue jagten und jeden umbrachten, den sie fassen konnten. Ich half damals am libysch-ägyptischen Grenzposten bei Salloum mit, diese Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Viele mussten wochenlang am Zoll ausharren, bis sie einen Platz in einem der Busse von UN- und anderer Hilfsorganisationen erhielten, der sie nach Kairo weitertransportierte. Am Nachmittag des 15. März 2011 schrieb ich in mein Notizbuch:
«Mittlerweile steht die Sonne tief. In spätestens einer Stunde müssen wir zurück in unsere Unterkunft in den kleinen Ort Sidi Barrani, eine gute Fahrstunde von hier. Aus Sicherheitsgründen fahren wir nur bei Tageslicht. Vorher reicht es noch für einen «head-count» der anwesenden Personen. Um planen zu können müssen wir wissen, mit wievielen Essern wir morgen zu rechnen haben. Wieviele Personen werden morgen in der Schlange für das Frühstück stehen? Wieviele konnten weiterreisen rsp. aus Salloum evakuiert werden? Wieviele Frauen, Kinder, Kranke oder alte Menschen sind da, denen wir das Anstehen in der Kolonne nicht zumuten wollen, sondern das Essen an ihre Liegeplätze vorbeibringen? Hat es Diabetiker, die kein Weissbrot essen dürfen? Und so weiter. Die Angaben, die wir täglich vom ägyptischen Zoll bekommen, sind ungenau. Einen Vorwurf können wir den Beamten deswegen nicht machen. Wie sollen sie eine vernünftige Statistik erstellen, wenn sich die Flüchtlinge zweimal, dreimal oder sogar viermal registrieren lassen? Mit jeweils einem anderen ihrer vielen Vornamen. Aus Verzweiflung und in der Hoffnung, damit ihre Chance zu verbessern, bald für den nächsten Bus, bloss weg von hier, ausgewählt zu werden. Wegen der schlechten Datenlage haben wir begonnen, selber zu zählen. Wir teilen das Camp in Sektoren auf, schreiten diese ab und zählen mit je einem Zweierteam Zehnergruppen. Das tun wir immer dann, wenn sich die grösste Gruppe im Camp, das sind hier die Tschader, am Rand der Zollanlage versammelt hat, wo die Namen der Glücklichen aufgerufen werden, die den Grenzposten am nächsten Tag verlassen können. Von einem nahen Dach fotografieren wir die Versammlung und zählen die Personen hinterher am Computer aus. Seit wir uns auf diese Weise selber helfen, müssen wir kaum mehr verdorbene Lebensmittel entsorgen.»