Ostafrikanisches Déjà vu

Abseits der Schlagzeilen sucht zurzeit eine extreme Dürre grosse Teile Ostafrikas heim. In einigen Regionen begleitet von kurzen aber schweren Stürmen. Im ländlichen Norden Kenias haben die von der Viehzucht lebenden Bauern und Nomaden bereits bis drei Viertel ihrer Herden verloren. Es droht eine Hungersnot. Vor ziemlich genau zehn Jahren plagte ebenfalls eine tödliche Dürre die Menschen am Horn von Afrika. Ich war damals als humanitärer Helfer selber vor Ort. Meine Bilder stammen aus den Regionen North Horr, Moyale, Marsabit und Wajir im Norden Kenias. Ich befürchte, dass die Fotos heute wieder sehr aktuell sind.
Das erste Bild zeigt die Umgebung der nordkenianischen Kleinstadt Marsabit mit „normaler“ Vegetation.

Gestrandet in Salloum

Reisen in „komplizierte“ Länder ist zurzeit coronabedingt schwierig. Deshalb erinnere ich mich heute an einen Einsatz vor genau zehn Jahren. Im Zuge des arabischen Frühlings kam es auch in Libyen zu einem Volksaufstand gegen Machthaber Muammar Gaddafi, den dieser schliesslich nicht überlebte. Hunderttausende Gastarbeiter verliessen damals das Land, auf der Flucht vor Mörderbanden, die sie pauschal als Gaddafigetreue jagten und jeden umbrachten, den sie fassen konnten. Ich half damals am libysch-ägyptischen Grenzposten bei Salloum mit, diese Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Viele mussten wochenlang am Zoll ausharren, bis sie einen Platz in einem der Busse von UN- und anderer Hilfsorganisationen erhielten, der sie nach Kairo weitertransportierte. Am Nachmittag des 15. März 2011 schrieb ich in mein Notizbuch:
«Mittlerweile steht die Sonne tief. In spätestens einer Stunde müssen wir zurück in unsere Unterkunft in den kleinen Ort Sidi Barrani, eine gute Fahrstunde von hier. Aus Sicherheitsgründen fahren wir nur bei Tageslicht. Vorher reicht es noch für einen «head-count» der anwesenden Personen. Um planen zu können müssen wir wissen, mit wievielen Essern wir morgen zu rechnen haben. Wieviele Personen werden morgen in der Schlange für das Frühstück stehen? Wieviele konnten weiterreisen rsp. aus Salloum evakuiert werden? Wieviele Frauen, Kinder, Kranke oder alte Menschen sind da, denen wir das Anstehen in der Kolonne nicht zumuten wollen, sondern das Essen an ihre Liegeplätze vorbeibringen? Hat es Diabetiker, die kein Weissbrot essen dürfen? Und so weiter. Die Angaben, die wir täglich vom ägyptischen Zoll bekommen, sind ungenau. Einen Vorwurf können wir den Beamten deswegen nicht machen. Wie sollen sie eine vernünftige Statistik erstellen, wenn sich die Flüchtlinge zweimal, dreimal oder sogar viermal registrieren lassen? Mit jeweils einem anderen ihrer vielen Vornamen. Aus Verzweiflung und in der Hoffnung, damit ihre Chance zu verbessern, bald für den nächsten Bus, bloss weg von hier, ausgewählt zu werden. Wegen der schlechten Datenlage haben wir begonnen, selber zu zählen. Wir teilen das Camp in Sektoren auf, schreiten diese ab und zählen mit je einem Zweierteam Zehnergruppen. Das tun wir immer dann, wenn sich die grösste Gruppe im Camp, das sind hier die Tschader, am Rand der Zollanlage versammelt hat, wo die Namen der Glücklichen aufgerufen werden, die den Grenzposten am nächsten Tag verlassen können. Von einem nahen Dach fotografieren wir die Versammlung und zählen die Personen hinterher am Computer aus. Seit wir uns auf diese Weise selber helfen, müssen wir kaum mehr verdorbene Lebensmittel entsorgen.»

Moria brennt (wieder)

Im Spätsommer 2015 reiste ich zum ersten Mal in humanitärer Mission nach Lesbos. Das offizielle Flüchtlingscamp stand damals im Aufbau, noch nicht in Moria, sondern in Kara Tepe, keine Viertelstunde Fahrzeit nördlich der Haupstadt Mytilini, direkt am Strand. In Moria, ein paar Kilometer weiter im Landesinnern, entstand damals ein kleineres informelles Lager auf einem früheren Militärgelände.

Moria, 2. Februar 2016 (Foto: Fred Lauener)

Seit ab März 2016 die Flüchtlinge nicht mehr auf das griechische Festland gebracht werden durften, baute die Europäische Union Moria zu einem sogenannten „Erstregistrierungszentrum“ aus. In Kara Tepe wurden seither fast nur noch gemeinsam reisende Familien untergebracht. Seit dieser Zeit ist Moria eine Hölle auf Erden und Sinnbild für die grösste Schande Europas seit Gründung der EU. Die in viel zu grosser Zahl auf engstem Raum zusammengepferchten Menschen vegetieren in dem Lager unter unvorstellbaren menschenunwürdigen Bedingungen. Vor genau vier Jahren, im September 2016, zerstörte schon einmal ein Brand mehr als die Hälfte des Geländes und das wenige Hab und Gut der Gestrandeten.

Moria, 9. September 2020 (Foto: Thanasis Voulgarakis)

Letzte Nacht brannte es wieder in Moria. Das war kein bedauerliches Unglück. Und es spielt auch keine Rolle, welche direkte Ursache der Brand hatte. Das neue Leid, das gestern Nacht über die Menschen auf Lesbos kam, war leider absehbar. Das Feuer von Moria ist vor allem ein weiteres Mahnmal unseres Versagens als menschliche Wesen.

Moria, 9. September 2020 (Foto: Facebookseite der NGO ‚Stand by me Lesvos“)

Als wäre es gestern passiert

Vor fünf Jahren bebte in Nepal die Erde und brachte viel Leid über unzählige Familien. Die Erinnerung an die Ereignisse und Hilfsprojekte im abgelegenen Berggebiet des Distrikts Sindhupalchok im Nordosten des Landes (insbesondere den raschen Wiederaufbau von Schulen) ist so frisch, als wäre alles gestern passiert. Auch 2015 war der 7. Juni übrigens ein Sonntag.